Start Die Klamm (The Glen)
Die Klamm (The Glen) (1968) PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Kursch, Wolf   
Dienstag, den 23. Juli 1968 um 00:00 Uhr

 

Die Sonnenstrahlen sollten eigentlich Wärme spenden - doch es bleibt kalt, wie es immer war. Ein Geldstück, der Eintrittspreis, schlägt auf dem Holz des Tisches auf. Eine grüne Karte wird herüber geschoben. Du murmelst etwas und gehst weiter. Da streckt sich Dir eine Pranke entgegen. Du schreckst zurück. Es war jedoch nur die Hand des Kontrolleurs. Er nimmt die Karte aus Deiner Faust und reisst ein Stück ab. Die Klamm ist vor Dir.
Feuchte Luft schlägt Dir entgegen. Vor Dir tut sich ein Loch im Berg auf, das gerade groß genug ist, Dich hindurch zu lassen. Rechts dröhnt der wilde Gebirgsbach. Es ist dunkel in dem Felsengang. Einzelne Tropfen fallen auf Dein Gesicht - auf Dich. Du willst den Schirm aufspannen, doch es ist zu eng hier. Auch Dein Anorak ist schnell durchweicht.
Ein Licht, ein schwaches Licht schimmert Dir entgegen. Du trittst hinaus ins "Freie". Unendlich hohe Felsen ragen in die Höhe. Das Licht des Tages ist kaum zu erkennen. Hier kannst Du Deinen Schirm aufspannen. Aber das Wasser fällt an der gegenüber liegenden Seite herab - keine vier Meter von Dir entfernt. Aus dem Gang ertönen Schritte. Eine große Standuhr kommt heraus und geht an Dir vorbei. Du spuckst nur in das unter Dir brodelnde Wasser. Die monotonen Schritte der Uhr verhallen.
Du gehst weiter - wieder ein gähnendes Schwarz. Der Weg ist feucht - spiegelglatt.
Und wieder trittst Du aus der "Röhre". Du blickst hinauf, wo ein kleiner Fetzen Himmel zu sehen ist. Ein Griff irgendwohin - das Geländer. Beinahe wärst Du in die tosenden Fluten gefallen. Es hätte keine Rettung gegeben. Vielleicht hätte man irgendwann einmal Deinen Körper gefunden.
Ein heller Ton klingt hinter Dir. Ein kleiner Diamant läuft an Dir vorbei. Du willst schon dem Kleinod nacheilen, da stößt Dich ein atemloser Mann zur Seite. Wieder rettet Dich das Geländer. Du siehst gerade noch, wie der Mann keuchend im nächsten Tunneleingang verschwindet. Da ertönt ein langgezogener Schrei, der immer leiser wird. Du eilst in den Berg. Tiefes Schwarz umgibt Dich. Vorsichtig tastest Du Dich an der Mauer entlang. Da - Dein Fuß war an etwas gestossen. Du bückst Dich und zündest Dein Feuerzeug an. Es war jedoch nur ein Stein. Geduckt schleichst Du weiter. Wieder stösst Dein Fuß an etwas - gegen etwas Weiches. Du bückst Dich. Etwas Warmes klebt an Deiner Hand - oder ist es etwas Kaltes? Ein Feuerzeug flammt in Deiner Hand auf. Ja, er ist es, der gerade an Dir vorbei gerast war.
Und wieder eilen Schritte herbei. Eine riesige, schwammige Masse drückt sich hinter Dir vorbei durch den engen Gang. Unsanft wirst Du beiseite gestossen.
Du stehst auf und gehst ein paar Schritte. Gerade will Dein Feuerzeug ausgehen. Es flackert wie Dein Leben.
Da - wieder ein Schrei - genau an der selben Stelle. Du siehst eben noch, wie ein Mann nieder sinkt, dann verlöscht Deine kleine Flamme.
Angeekelt machst Du Dich wieder auf den Weg durch die Klamm. Es ist ein ebener Weg - betoniert - von einem Geländer eingefasst.
Vor Dir öffnet sich der Fels und Du trittst aufatmend ins Freie. Du hastest, stolperst, raffst Dich wieder auf und atmest die Freiheit.
Wieder streckt sich Dir eine Hand entgegen. Du willst schon dein Billett herauskramen, da merkst Du, dass es die Uhr ist. "Es ist Zeit!". Sie verlangt Ihren Tribut.
Und die Sonne scheint - warm.

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aus dem Buch: 'Geschichten eines Stifts'
 
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