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Es war das Jahr, als sich der Mond zum ersten Mal von Menschen berühren ließ, im Jahr, als allgemein festgestellt wurde, dass die Steinewerfer immer noch nichts dazu gelernt hatten und wahrscheinlich auch nie lernen werden und das Jahr, in dem in China zwei Reissäcke umfielen, einer in Anshun in der Provinz Guizhou und der andere in einem Vorort von Peking. Während der Ort von erstem feststeht, verliert sich der von zweitem im Dunkel der Zeit und ist nur durch die Überlieferung des Wortes Peking einem Ort zu zu ordnen.
Dass erstmals der Mond von Menschen betreten worden ist, mag ja noch interessant sein. Dass es Steinewerfer gab, mag auch noch halbwegs ein Interesse wecken, aber, werden Sie nun fragen, was interessiert mich, ob in China ein Reissack umgefallen ist. Und genau darum geht es.
Vorausschickend ist zu bemerken, dass ein Reissack nicht umfallen kann, da er sich nicht selbst aufrecht halten oder stehen kann, ohne Inhalt sinkt er in sich zusammen. Insofern müsste es Säcke mit Reis (gefüllt) heissen. Über diesen inhaltlichen Fehler bitte ich hinweg zu sehen, ich tue es jedenfalls. Ein Reissack ist ein Sack, der dafür bestimmt ist, Reis auf zu bewahren, transportieren, usw., ein Sack mit Reis ist ein (Reis-)Sack, der Reis beinhaltet. Eine weitere Diskussion über dieses Thema verhindert nur, dass wir zum Kern kommen, darum Schluss damit.
Übrigens, der in Peking ist genau genommen gar nicht umgefallen, sondern beim Entladen eines Lastwagens, Anhängers, Handwagens, Pferde- oder Eselsrückens, oder was auch immer, auf die Strasse und somit heruntergefallen. Ob er vorher umgefallen ist, oder direkt auf die Strasse stürzte, ist heute nicht mehr feststellbar, war es damals auch nicht, da es angeblich niemand beobachtet hatte.
Aber, und jetzt wird es interessant, mehrere Fragen hierzu haben über vierzig Jahre überlebt und beschäftigen heute noch Menschen wie mich und den geneigten Leser. Sie können sich aber auch gerne der Mehrheit anschließen und die Frage nach dem Interesse negativ beantworten und hier mit dem Lesen aufhören. Nur, dann wissen Sie nicht, ob es nicht vielleicht doch noch interessant wird. Sie sind in einem Dilemma, ich nicht, denn ich weiß, was kommt.
Nehmen wir einmal an, Sie lesen weiter, denn aus diesem Grunde schreibe ich das alles, obwohl es mich langweilen müsste, da ich ja in das Folgende eingeweiht bin, oder schreibe ich das gerade, weil ich mich langweile? Schieben wir diese Frage, die nicht zum Themenkomplex gehört, einfach bei Seite. Bei Interesse kann sie ja später noch einmal aufgegriffen werden. Wobei dies so eine Sache ist, mit dem Später-wieder-aufgreifen.
Genau das machen wir aber jetzt mit den Fragen zu den Reissäcken. Noch beschäftigen sie nicht Anthropologen oder Archäologen, auch keine Historiker. Letztere vor allem nicht, weil sie von der Existenz der Fragen überhaupt keine Ahnung haben. Woher sollten sie auch, es gibt ja scheinbar weder Augenzeugen noch Aufzeichnungen darüber.
Das mit den Aufzeichnungen möchte ich relativieren. In Maos Staat gab es sicher über alles Berichte und Verhörprotkolle. Warum nicht auch über die beiden Fälle mit den Reissäcken?
Dies ist bereits die erste Frage, die sich zwangsläufig ergibt und die immer noch unbeantwortet ist. Wäre doch ein lohnendes Ziel für eine Fernsehreportage vor Ort. Vielleicht gibt es doch noch Augenzeugen, die sich dunkel erinnern und vielleicht sogar noch den Tag benennen können, vielleicht auch, wer in dem Fall als Beschuldigter auserkoren wurde, wer den Fall bearbeitete und ob es Protokolle gab.
Was geschah mit den Beschuldigten? Wessen wurden sie angeklagt? Wurden Sie schuldig gesprochen und verurteilt, wenn ja, zu was oder wieviel?
Die nächsten Fragen lauten: Wie lang waren beide Fälle zeitlich aus einander oder passierten Sie zeitgleich. Hatten die beiden Fälle etwas mit einander zu tun? War es der selbe Täter? Wie war es dem Täter möglich, quer durch das Land zu reisen, um seine Taten zu begehen? Hatte er Helfer oder gar Mittäter? War etwa eine Verschwörung im Gange? Gegen wen? War sie politsch motiviert oder hatte sie privaten Charakter?
Waren die Säcke leicht genug, dass sie von einer einzigen Person aus ihrer Lage gebracht werden konnten? War der Täter überhaupt ein Mann? Welches waren jeweils seine/ihre Motive für die Tat. Gab es mildernde Umstände, da er/sie vielleicht eine schwere Kindheit gehabt hatte? Letztere Frage kann aus historischer Sicht ziemlich sicher mit nein beantwortet werden.
Erstens gab es damals derartige Überlegungen bei ähnlich gelagerten Fällen nicht einmal in Europa, geschweige denn in einem kommunistischen Regime, wie in China. Sollten derartige Überlegungen in Fällen wie diesen oder ähnlich gelagerten überhaupt eine Rolle spielen?
Bevor es jetzt zu philosophischen Grabenkämpfen kommt, wollen wir uns lieber dem nächsten Fragenkomplex zuwenden. Wie hoch waren die Schäden? Wer waren die Geschädigten und wer kam für den Schaden auf?
Gesetzt den Fall, der Täter konnte ermittelt werden - oder er wäre von oben bestimmt worden, er wäre verurteilt worden, und er hätte eine Wiedergutmachung aufgebrummt bekommen, wäre er in der Lage gewesen, diese auch zu erfüllen? Hätte seine Familie darunter leiden müssen? Hatte er überhaupt Familie?
Angenommen er wäre in ein Zwangsarbeitslager gekommen, hätte die Wiedergutmachung dann eine aufschiebende Wirkung gehabt, oder wäre sie nach der Entlassung des Delinquenten eventuell verjährt gewesen?
Sie sehen, die Aussage, 'Was interessiert es mich, ob in China ein Reissack umgefallen ist', kann auch eine vorschnelle Frage/Aussage sein. Obiger Gedankenanriss zeigt, dass auch scheinbar Unscheinbares zu Existenziellem führen kann.
Sind wir berechtigt, die Augen vor den Problemen der Welt zu verschließen, geht uns der Mitmensch wirklich nichts mehr an? Soll er uns nichts mehr angehen? Lebt jeder nur noch für sich allein?
Auf was will ich eigentlich hinaus? Wahrscheinlich darauf: Mathematisch ausgedrückt kommt bei der Gleichung mit Bekannten und Unbekannten 1969 heraus.
Was hat der Mond, die Steinwerfer und die Reissäcke in China aber mit meinen Erzählungen zu tun? Ehrlich gesagt, gar nichts. Es ereignete sich nur alles in diesem Jahr 1969. ...
aus dem Buch: 'Geschichten eines Stifts'
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